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Botulinumtoxin
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Botulinumtoxin (BTX), auch Botulinum-Neurotoxin (BoNT), Botox (umgangssprachlich), Botulismustoxin, Botulinustoxin, Botulin ist ein Sammelbegriff fßr mehrere sehr ähnliche neurotoxische Proteine. Die Neurotoxine werden von verschiedenen Stämmen der Bakterienspezies Clostridium botulinum, Clostridium butyricum, Clostridium baratii sowie Clostridium argentinensecite-ref-1[1] gebildet und ausgeschieden; es sind damit Exotoxine.cite-ref-olson-2-0[2]
Die Wirkung dieser Proteine beruht auf der Hemmung der Erregungsßbertragung von Nervenzellen, was neben StÜrungen des vegetativen Nervensystems insbesondere eine Muskelschwäche bis hin zum Stillstand der Lungenfunktion zur Folge haben kann. Botulinumtoxin ist fßr Lebewesen wie den Menschen ein tÜdliches Gift. Die LD50-Werte fßr Mäuse betragen 3 ng/kg bei Inhalationcite-ref-3[3] bis 4 ng/kg bei subkutaner Aufnahme.cite-ref-pmid3564058-4-0[4]
Die Vergiftung mit Botulinustoxinen wird Botulismus genannt und ist eine gefĂźrchtete Lebensmittelvergiftung. Sie kann auch infolge von Darminfektionen und Wundinfektionen mit C. botulinum auftreten. Seit den 1980er-Jahren werden die von dem Bakterium erzeugten toxischen Proteine zu medizinischen Zwecken eingesetzt, vorwiegend zur Behandlung neurologischer BewegungsstĂśrungen (Dystonie, Spastik, Sialorrhoe). Die Verwendung in der kosmetischen Medizin zur vorĂźbergehenden Abschwächung von Falten (Wirkungsdauer 3â6 Monate) ist in Deutschland seit 1993 zugelassen,cite-ref-5[5] wird aber aufgrund der dadurch bedingten massiven Zunahme von Tierversuchen heftig kritisiert.cite-ref-gt-6-0[6]cite-ref-botrill-7-0[7]cite-ref-pmid15560750-8-0[8] AuĂerdem besteht das Risiko gravierender Nervenschäden ohne medizinische Notwendigkeit fĂźr den Eingriff.
Clostridium botulinum kommt ubiquitär im Erdboden wie im Sediment von Gewässern vor und bildet widerstandsfähige Endosporen, ebenso wie Clostridium tetani, welches das strukturell ähnliche Tetanustoxin produziert. Welchen evolutionären Nutzen solche fßr den Wirt pathogenen Wirkstoffe dem parasitierenden Mikroorganismus bringen, ist Gegenstand der Diskussion.cite-ref-levin-9-0[9]
Contents
⢠Geschichte
⢠Etymologie
⢠Struktur
⢠Toxintypen
⢠Vergiftung
⢠Meldepflicht
⢠Sterilisierung
⢠Industrie
⢠Wirkmechanismus
⢠Zahnmedizin
⢠Nachweis
⢠Dokumentarfilm
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Anmerkungen
⢠Einzelnachweise
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Geschichte
Der Botulismus wurde im Februar 1815 vom wĂźrttembergischen Arzt und Dichter Justinus Kerner das erste Mal wissenschaftlich beschrieben. Kerner erkannte 1820 den Wirkungsmechanismus des Toxins als Hemmung der Nervenleitung und schlug 1822 das Gift, das er als âFettgiftâ und âFettsäureâ bezeichnete,cite-ref-botoxaest1-2-10-0[10] in extrem niedrigen Dosen als Arzneistoff fĂźr verschiedene nervĂśse StĂśrungen vor.cite-ref-11[11] Die Mediziner Rupprecht und MĂźller bezeichneten 1868 die Vergiftung erstmals als Botulismus.cite-ref-12[12]
Das die Vergiftungen verursachende Bakterium wurde 1895â1897 von Emile van Ermengem, einem belgischen Bakteriologen, bei der Untersuchung von Schinken, der damit befallen war und zu drei Todesfällen fĂźhrte, isoliert. Van Ermengem nannte den Mikroorganismus zunächst Bacillus botulinus, heute wird er als Clostridium botulinum bezeichnet. Schon 1897 stellte Walter Kemper das erste Antiserum gegen Botulinustoxin A her.cite-ref-botoxaest1-2-10-1[10]
Nachdem ab den 1920er-Jahren Botulinumtoxine in grĂśĂeren Mengen gewonnen werden konnten, gelang 1946 Carl Lammanna in Fort Detrick (Maryland) am USAMRIID die Reindarstellung des Toxintyps A. Dabei wurde der schon frĂźher vermutete Aufbau aus zwei verschiedenen Proteinketten verifiziert.
1949 wiesen Burgen, Dickens und Zatman in London die Hemmung der Acetylcholinsekretion als Ursache der Muskellähmung durch Botulinumtoxin A nach.cite-ref-botoxtreat-13-0[13] Bis um 1970 wurden insgesamt sieben verschiedene Neurotoxin-Serotypen (A, B, C1, D, E, F und G) isoliert.
1973â1978 wurde das Protein erstmals unter Schantz nach einem durch die FDA zugelassenen Verfahren an Freiwilligen als Arzneistoff getestet und 1980 durch Scott erstmals zur Medikation von Strabismus (Schielen) eingesetzt. 1989 erteilte die US-amerikanische ZulassungsbehĂśrde FDA die erste Arzneimittelzulassung fĂźr ein Botulinumtoxin-Präparat. Unter dem Namen Oculinum wurde Botulinumtoxin A fĂźr die Indikationen Nystagmus (âAugenzitternâ) und Blepharospasmus (Lidkrampf) zugelassen. Nachdem die Firma Allergan das Produkt 1991 vom damaligen Hersteller Ăźbernommen hatte, wurde der Handelsname 1992 in Botox abgeändert. 1993 erfolgte die Zulassung von Botox in Deutschland, ebenso die des Wettbewerberprodukts Dysport (Ipsen).cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] Im Jahr 1995 wurde in Deutschland von der Firma Merz Pharmaceuticals das Produkt Xeomin zugelassen.
Innerhalb weniger Jahre kamen als weitere Indikationen Spastiken der Gesichtsmuskulatur und Beine, Torticollis spasmodicus (zervikale Dystonie, âSchiefhalsâ) sowie Sialorrhoe (âvermehrter Speichelflussâ) hinzu.cite-ref-botoxaest1-2-10-2[10]
1992 verĂśffentlichten J. und A. Carruthers einen Berichtcite-ref-c-c1992-16-0[16] Ăźber einen vorĂźbergehenden abschwächenden Effekt von Botulinustoxin A auf Hautfalten (Wirkungsdauer 3â6 Monate).cite-ref-pmid14507232-17-0[17] Seither wurde das Toxin im kosmetischen Bereich off-label eingesetzt. Eine Zulassung fĂźr diese Verwendung erhielten Präparate erst ab 2002.cite-ref-gt-6-1[6]
Etymologie
Die Namen fĂźr das Bakterium und das Toxin sind von dem lateinischen Wort botulus âWurstâ abgeleitet, ebenso wie die schon zuvor eingefĂźhrte Bezeichnung Botulismus fĂźr das Krankheitsbild bei einer Wurstvergiftung. Der Grund ist, dass Vergiftungen mit dem Botulinumtoxin frĂźher häufig im Zusammenhang mit Wurst oder Wurstkonserven standen. Darauf beruht auch die historische Bezeichnung Wurstgift (englisch sausage poison).cite-ref-18[18]
Das hauptsächlich den Botulismus verursachende Bakterium Clostridium botulinum ist ubiquitär als Spore anzutreffen.cite-ref-19[19] Das Bakterium benÜtigt nichtsaure, extrem sauerstoffarme Milieubedingungen, um auszukeimen und das Toxin zu produzieren. Solche Bedingungen sind in Wurst- und Gemßsekonserven sowie vakuumverpackten Lebensmitteln meist gegeben; zudem gilt die anaerobe Kernzone von Fleisch und Wurst meist als exzellentes Substrat fßr das Wachstum von Clostridium.cite-ref-woern-20-0[20]
Struktur
Botulinumtoxine sind hochmolekulare Proteinkomplexe aus der Gruppe der AB-Toxine, die aus zwei Teilen bestehen: Teil A als der leichten Kette, dem eigentlichen lähmend (paralytisch) wirkenden Neurotoxin, sowie Teil B als der schweren Kette, einem nichttoxischen Protein, das eine Bindung an Nervenzellen und eine Aufnahme vermittelt. Ăber eine DisulfidbrĂźcke sind die beiden Bestandteile miteinander verbunden. Der leichtere neurotoxische Teil ist eine zinkhaltige Endopeptidase. Der B-Teil bindet an die präsynaptische Membran von Nervenzellen.cite-ref-woern-20-1[20] Nach Aufnahme in synaptische Vesikel bildet der N-Terminus der schweren Kette durch die Absenkung des pH-Werts eine Membranpore. Zudem wird die DisulfidbrĂźcke gespalten, wodurch die neurotoxische leichte Kette ins Cytosol diffundieren kann.
Der B-Teil schßtzt das Neurotoxin vor dem proteolytischen Abbau im sauren Milieu des Magens nach oraler Applikation, so dass das Toxin biologisch verfßgbar bleibt und Vergiftungen auslÜsen kann.cite-ref-21[21] Der Komplex dissoziiert jedoch bei neutralem pH-Wert des Gewebes und ist nicht mehr stabil.cite-ref-22[22] Ebenfalls instabil wird das Protein bei längerem Erhitzen. Bei der therapeutischen Applikation des Botulinumtoxins haben die Komplexproteine daher keine wesentliche Funktion und tragen nicht zur Wirksamkeit bei. Diskutiert wird allerdings, ob Unterschiede in der klinischen Wirksamkeit der zugelassenen Medikamente (zum Beispiel die Diffusionskapazität bzw. Ausbreitungsfähigkeit) auf die unterschiedlichen Arten der vorhandenen Hßllproteine zurßckzufßhren sein kÜnnen.
Toxintypen
Serologisch unterscheidet man die Botulinumtoxine in die Typen A bis G, von denen A und B medizinisch genutzt werden. Lediglich die Typen A, B, E und F sind toxisch fĂźr den Menschen.cite-ref-roempp-lc-23-0[23] Die Botulinumtoxine besitzen eine groĂe Ăhnlichkeit in Bezug auf ihre Struktur und biochemische Wirkung mit dem ebenfalls von Clostridien (Clostridium tetani) gebildeten Tetanustoxin.cite-ref-wobio-24-0[24]
| Typ | Einige Organismen, in denen der Typ wirksam ist [ 24 ] | Toxisch fĂźr Menschen [ 23 ] | UniProt / UNII | Varianten, Anmerkungen |
|---|---|---|---|---|
| A | Mensch (hauptsächlich USA), Kßken | ja | UniProt P0DPI0 UniProt P0DPI1 (A1) UniProt Q45894 (A2) UNII: E211KPY694 | Das medizinisch genutzte BoNT/A existiert in verschiedenen nativen, d. h. komplexierten Formen [ A 1 ] [ A 2 ] [ A 3 ] [ A 4 ] [ A 5 ] sowie auch aufgereinigten Formen, die frei von Komplexproteinen [ A 6 ] [ A 7 ] [ A 8 ] sind. [ 25 ] |
| B | Mensch (hauptsächlich Europa), âKinder-Botulismusâ, Pferde, Rinder | ja | UniProt P10844 (B) UniProt B1INP5 (B1) UNII: 0Y70779M1F | Rimabotulinumtoxin B [ A 9 ] |
| C | WasservĂśgel (C1); Rinder, Pferde, Nerze (C2) | nein | UniProt P18640 UNII: FPM7829VMX | Botulinumtoxin C1 (Botulinumneurotoxin C) [ A 10 ] Botulinumtoxin C2 [ A 11 ] [ A 12 ] |
| D | Rinder, GeflĂźgel | nein | UniProt P19321 UNII: 331HTW151K | |
| E | Mensch | ja | UniProt Q00496 UniProt P30995 UNII: T579M564JY | |
| F | Mensch | ja | UniProt A7GBG3 UniProt P30996 UNII: U1R2P71O7G | |
| G | Vergiftungsfälle bisher unbekannt | nein | UniProt Q60393 UNII: 2C3DD06QGJ | Gebildet von Clostridium argentinense [ A 13 ] |
Neben den bisher sieben allgemein anerkannten âklassischenâ BoNT-Serotypen wurden mehrere neuartige BoNT-Typen postuliert. 2013 gab eine Forschergruppe in den USA an, in der Stuhlprobe eines Kindes einen weiteren Serotyp entdeckt zu haben, den sie als âTyp Hâ bezeichneten (BoNT/H).cite-ref-typ-h-39-0[26] Die DNA-Struktur wurde trotz ihrer EntschlĂźsselung zunächst geheim gehalten.cite-ref-40[27]cite-ref-41[28] Untersuchungen des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zeigten später, dass es sich um einen Hybridtyp handelt mit strukturellen Ăhnlichkeiten zu den Serotypen A und F.cite-ref-maslanka2015-42-0[29] BoNT/Xcite-ref-43[30] ist ein neuer Serotyp, der ebenfalls von C. botulinum gebildet wird. Eine auf molekularer Ebene den Botulin-Neurotoxinen ähnliche Variante ist das eBoNT/Jcite-ref-44[31] (auch BoNT/En genannt) das jedoch durch ein Gen des Enterococcus faecium codiert wird.cite-ref-berg2019-45-0[32]
Durch Fortschritte in der DNA-Sequenzierungs-Technik konnten ferner Unterschiede innerhalb einzelner Serotypen aufgezeigt werden, was zur Einfßhrung von Subtypen fßhrte. Solche Subtypen kÜnnen sich innerhalb eines Serotyps auf Aminosäureebene um bis zu 36 % unterscheiden. Bis 2019 wurden in der Literatur mehr als 40 Subtypen beschrieben. Es wurde gezeigt, dass sich die Subtypen eines Serotyps in ihrer biologischen Aktivität unterscheiden, beispielsweise in der Kinetik der Aufnahme und Substratspaltung, der Affinität zu Rezeptoren oder der Gesamtaktivität.cite-ref-berg2019-45-1[32]
Wirkungsmechanismus
Botulinumtoxin hemmt die Erregungsßbertragung von Nervenzellen auf andere Zellen, insbesondere an den Synapsen zu Muskelzellen, wodurch eine Kontraktion des Muskels schwächer wird oder ganz ausfällt. Botulinumtoxine sind Proteine, die im Bakterium zunächst als lange Polypeptidketten hergestellt und durch Proteasen gespalten aktiviert werden. Sie bestehen dann aus zwei Protein-Untereinheiten, leichte (L-, ca. 50 kDa) bzw. schwere (S-, ca. 100 kDa) Kette genannt.cite-ref-roempp-lc-23-2[23]
Von Strukturmerkmalen der schweren Kette hängt die Gewebespezifität des Giftes ab. Denn hiermit bindet sich Botulinumtoxin an den präsynaptischen Teil eines Neurons, das Acetylcholin als Neurotransmitter verwendet â wie an einer neuromuskulären Endplatte. Anteile der schweren Kette vermitteln auch, dass das Gift durch Endocytose in die präsynaptische Endigung aufgenommen wird.
Die in den Zellinnenraum der Nervenzelle gelangende leichte Kette ist der aktive Teil des Toxins. Sie trägt Strukturmerkmale mit katalytischer Aktivität und wirkt nun als Zink-Endopeptidase. Damit ist sie in der Lage, bestimmte Funktionsproteine der Zelle zu zerlegen, die fĂźr die synaptische Vesikelfusion gebraucht werden. Durch diese Wirkung behindert das Gift die Exozytose als den Vorgang, mit dem der in Vesikeln enthaltene Botenstoff in den synaptischen Spalt abgegeben wird. Die Ăbertragung von neuronalen Signalen auf Muskelzellen wird somit blockiert.
Das Membranprotein Synaptobrevin (VAMP2), das ein wesentlicher Bestandteil sekretorischer Vesikel ist, wird bereits durch die Anwesenheit weniger BotulinumtoxinmolekĂźle der Typen B, D, F und G aufgrund der katalytischen Wirkung aufgespalten, ohne dass sich das Botulinumtoxin dabei selbst verbraucht. Die Botulinumtoxine A und E spalten das Synaptisch-assoziierte Protein SNAP-25; der Serotyp C zerstĂśrt Syntaxine.cite-ref-woneu-47-0[34]
Wenn synaptische Vesikel nicht mehr mit der Membran fusionieren kÜnnen, wird ihr Transmitter Acetylcholin nicht mehr in den synaptischen Spalt ausgeschßttet. Die betroffene Nervenzelle kann somit die zugeordnete Muskelfaser nicht mehr hinreichend erregen und es kommt dadurch zu einer Lähmung des Muskels, an dem das Gift wirkt.cite-ref-48[35] Bei der Reaktivierung der unterbrochenen neuromuskulären Transmission ßbernehmen zunächst neuauswachsende präsynaptische Endigungen vorßbergehend die Funktion der gestÜrten Axonterminalen des Nervenzellfortsatzes.cite-ref-49[36]
Vergiftung
â
Hauptartikel
:
Botulismus
Jährlich wurden vor 2009 in Deutschland 20â40 Fälle von Botulismus gemeldet, von denen 1â2 tĂśdlich endeten.cite-ref-roempp-lc-23-3[23] Im Jahr 2018 kam es zu neun Fällen und 2019 zu sieben Erkrankungen.cite-ref-50[37] Selten tritt der âviszerale Botulismusâ auf, der als âSäuglingsbotulismusâ oder âinfantiler Botulismusâ bei Säuglingencite-ref-51[38] und als âadulter infektiĂśser Botulismusâ bei Erwachsenen mit seltener Prädisposition als Infektion vorkommt. Dabei entwickelt sich das Bakterium aus Ăźber die Nahrung aufgenommenen Sporen im DĂźnndarm und produziert dort die Toxine.cite-ref-52[39] Als Antidot fĂźr alle Formen des Botulismus kommt entweder ein trivalentes (Typen A, B, E) oder ein polyvalentes Antiserum (Typen AâG) zum Einsatz,cite-ref-roempp-lc-23-4[23] in den USA auch das Heptavalent Botulism Antitoxin. Alle drei werden aus Pferden gewonnen.
Gefährdete Lebensmittel
In erster Linie sind Lebensmittel gefährdet, die unter anaeroben Bedingungen gelagert sind und deren Milieu nur schwach sauer oder neutral ist (pH > 4,5). Begßnstigt werden kann die Bildung des Toxins durch geringen Salzgehalt und Lagertemperaturen ßber 10 °C, wobei Letzteres bei Konserven oft gegeben ist. C. botulinum stellt zudem hohe Nährstoffansprßche und benÜtigt daher ein komplexes Nährmedium. Klassischerweise gefährdet sind demnach Fleisch- und Fischkonserven, Mayonnaise, aber auch schwachsaure Frucht- oder Gemßsekonserven. Nicht gefährdet sind bei den Fleischprodukten hingegen (stark) gepÜkelte Produkte, da das im PÜkelsalz enthaltene Nitrit C. botulinum im Wachstum hemmt.
Kennzeichen kontaminierter Produkte
Ein wichtiges Indiz bei Konserven ist die Bombage (bzw. Bombierung), die WĂślbung der Konservendeckel nach auĂen durch den entstehenden Innendruck.cite-ref-wobio-24-2[24] Entweichende Gase beim Ăffnen eingemachter Produkte deuten ebenfalls auf eine Kontamination hin; in den meisten Fällen sind sie mit einem unangenehmen Geruch verbunden. Obwohl solche Konserven sofort entsorgt werden mĂźssen, lassen sich hieraus keine RĂźckschlĂźsse Ăźber den Befall mit Botulinumtoxin erzeugenden Bakterien ziehen, denn gerade die Produktion des Giftes unter anaeroben Bedingungen und ohne Entwicklung von Gasen stellt eine groĂe Gefahr dar. Besteht Unsicherheit, ob die beschriebenen Kennzeichen zutreffen, ist es empfehlenswert, aus SicherheitsgrĂźnden den Konserveninhalt einige Minuten (5 Minuten bei 100 °C sind bei normalen Konservenvolumen sichercite-ref-roempp-lc-23-5[23]) durchzukochen. Als hitzelabiles Protein wird das Botulinumtoxin dadurch denaturiert und unwirksam.
Symptome beim Menschen
Die ersten Erscheinungen der als Botulismus bezeichneten Vergiftung treten nach 12 bis 40 Stunden auf und umfassen in der Regel Kopf- und Magenschmerzen, Ăbelkeit und Erbrechencite-ref-wobio-24-3[24] sowie Schluck-, Sprech- und SehstĂśrungen, gefolgt von Muskellähmungen.cite-ref-roempp-lc-23-6[23] Insbesondere die Lähmung der Augen- (Doppelsehen)cite-ref-woneu-47-1[34] und der Nackenmuskulatur (Halssteifigkeit) sind deutliche Hinweise auf Botulismus. In diesem Stadium der Vergiftung kann eine Bekämpfung mit Antitoxin noch mĂśglich sein. Ohne Behandlung tritt in 50 % der Fälle nach 3â6 Tagen der Tod durch Atemlähmung ein.cite-ref-roempp-lc-23-7[23]
Meldepflicht
In Deutschland ist der direkte oder indirekte Nachweis des Toxins nach § 7 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes namentlich meldepflichtig.
Siehe auch
:
Botulismus#Meldepflicht
und
Clostridium botulinum#Meldepflicht
Vorbeugende MaĂnahmen
Das Toxin ist ein Protein, das beispielsweise durch Erhitzen denaturiert und damit inaktiviert werden kann. Seine Hitzestabilität ist am hÜchsten bei einem pH-Wert von etwa 5,5; auch unter diesen Bedingungen wird das Botulinumtoxin selbst thermisch inaktiviert bei Kerntemperaturen von ßber 85 °C fßr 5 Minuten oder länger.cite-ref-who-53-0[40]
Die Sporen der toxinproduzierenden Bakterien, von Clostridium botulinum, sind hitzeresistent und kĂśnnen auch kochendes Wasser einige Zeit Ăźberleben. Das anaerobe Bakterium wächst nur bei Abwesenheit von Sauerstoff und in schwach sauren bis basischen Umgebungen (pH-Wert Ăźber 4,6). Durch verschiedene geeignete MaĂnahmen kann die Vermehrung des Bakteriums â und damit das Auftreten von Botulismus â zuverlässig verhindert werden.cite-ref-who-53-1[40]
Sterilisierung
Da frĂźher die Sterilisierungstechnik nicht weit entwickelt war, kam es immer wieder vor, dass Sporen von Clostridum botulinum das âKonservierenâ, also Erhitzen der Konserven Ăźberlebten und während der Lagerung der Konserve mit entsprechenden Folgen auskeimten. Heute wird bei kritischen Produkten der sogenannte âBotulinum-Cookâ durchgefĂźhrt;cite-ref-54[41] die Lebensmittel werden erhitzt und fĂźr 3 Minuten bei 121 °C gehalten (3-facher F0-Wert). Damit werden auch Sporen zuverlässig abgetĂśtet.
Haushalt (Herstellung von Konserven, Einmachen)
⢠Produkt ausreichend säuern (pH < 4,5)
⢠Produkt salzen und pÜkelncite-ref-roempp-lc-23-8[23]
⢠Konserven bei tiefen Temperaturen lagern (optimal bei < 5 °C)
⢠Tyndallisierung: Nach dem Einkochen mit einem normalen Kochtopf bei 100 °C kann eine Wiederholung des Einkochprozesses 1 bis 2 Tage später die aus den Sporen hervorgegangenen Bakterien abtÜten
Insbesondere die Säuerung ist ein wichtiges Mittel, um C. botulinum zu inaktivieren. Mit einer sorgfältig und ausreichend lange durchgefßhrten Sterilisation bei Temperaturen ßber 100 °C kÜnnen die Sporen ebenfalls sicher abgetÜtet werden.
Industrie
⢠Allgemeine Regeln der Arbeitshygiene beachten
⢠MÜglichst wenig verunreinigte Rohware verwenden
In der Industrie werden bei der Zubereitung gefährdeter Lebensmittel durch entsprechend langes Erhitzen bei Temperaturen ßber 100 °C das Bakterium und seine Sporen abgetÜtet und das Toxin inaktiviert.
Therapeutische Anwendung
Indikationen und Wirksamkeit
In der Neurologie wird Botulinumtoxin seit Anfang der 1980er-Jahre als zugelassenes Arzneimittel primär in der Behandlung von speziellen BewegungsstĂśrungen, den sog. fokalen Dystonien, eingesetzt. Dies sind Erkrankungen wie der Blepharospasmus (Lidkrampf), die oromandibuläre Dystonie (Mund-, Zungen-, Schlundkrampf), der Torticollis spasmodicus (Schiefhals) und andere zervikale Dystonien, der Graphospasmus (Schreibkrampf) und die spasmodische Dysphonie (Stimmbandkrampf). Weiterhin sind auch bei segmentalen oder sekundären Dystonien und Spastiken die Fokalsymptome mit Botulinumtoxin behandelbar.cite-ref-abele-55-0[42] Hierzu zählen etwa der Spasmus hemifacialis, BewegungsstĂśrungen nach peripherer Affektion des Nervus facialis sowie bestimmte spastische Syndrome bei Erwachsenen und Kindern, beispielsweise bei spastischem SpitzfuĂ, bei Patienten mit Zerebralparese, bei der Armspastik nach Schlaganfall bzw. bei fokaler Spastik von Hand und Handgelenk nach Schlaganfall. Bei diesen Indikationen wird immer intramuskulär oder subkutan injiziert. Ein Behandlungserfolg mit Besserung bis zum zeitweiligen Verlust der Symptome liegt beim Lidkrampf bei etwa 90 %, beim Schiefhals zwischen 60 und 80 %.cite-ref-berlit-56-0[43]
Weitere Anwendungsgebiete:
⢠Behandlung von Spannungskopfschmerzen und Migräne (bei chronischer Migräne Leistung der GKV)cite-ref-58[45]cite-ref-59[46]
⢠Verringerung der Hyperhidrose (ĂźbermäĂige SchweiĂproduktion)cite-ref-botoxaest68-60-0[47]cite-ref-61[48]
⢠Sialorrhoe (ErhÜhte Speichelproduktion) (z. B. bei Patienten mit M. Parkinson oder amyotropher Lateralsklerose)cite-ref-62[49]
⢠Bei der Therapie der Achalasie, einer SpeiserĂśhrenengstellung,cite-ref-63[50] sowie bei diffusem Ăsophagusspasmus (Spasmus der SpeiserĂśhre)cite-ref-endosk-64-0[51]
⢠Bei Patienten mit einer Sphincter-oddi-Dysfunktion (SOD) Typ IIcite-ref-endosk-64-1[51]
⢠Bei Analfissurencite-ref-endosk-64-3[51]
⢠Bei BlasenfunktionsstÜrungen (seit 2018 Leistung der GKV)cite-ref-65[52]
⢠Zahlreiche weitere Anwendungsgebiete sind in der Erprobung, z. B. orthopädische Krankheitencite-ref-66[53] (Epicondylitis humeroradialis und humeroulnaris, Plantarfasziitiscite-ref-67[54], myofasciale Triggerpunkte der Wirbelsäule u. a.), depressive Erkrankungencite-ref-68[55]cite-ref-69[56] oder dermatologische Probleme, bei denen jeweils durch eine Muskelrelaxation eine Verbesserung erreicht werden kann.
Zertifizierte ärztliche Ausbildungen werden u. a. vom Arbeitskreis Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft fßr Neurologie (DGN) und von der Sektion Schmerz (IGOST)cite-ref-70[57] der Deutschen Gesellschaft fßr Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) angeboten.
Wirkmechanismus
Botulinumtoxine sind von Bakterien produzierte Exotoxine. Werden sie in einen Muskel gespritzt, so blockieren sie dort gezielt durch ZerstĂśrung von Proteinkomplexen die Freisetzung des Neurotransmitters Acetylcholin. Dadurch kann der entsprechende Muskel nicht mehr wie gewohnt angespannt werden. Andere Nervenfunktionen â wie das FĂźhlen oder Tasten â werden nicht beeinflusst. Nach einer therapeutischen Injektion baut sich die Wirkung langsam auf und erreicht â je nach Produkt, Indikation und Dosis â nach etwa zehn Tagen ihren HĂśhepunkt. Nach zwei bis sechs Monaten ist die Neuaussprossung der Nervenenden beendet, wodurch die Muskeln wieder aktiviert werden kĂśnnen. Die Injektion kann mit gleichzeitiger Messung eines Elektromyogrammes (EMG) im Muskel, der sogenannten Stimulationstechnik, ultraschallgesteuert oder nach anatomischer Kenntnis erfolgen. Es gibt eine Anzahl von Patienten mit Nerven-Muskelkrankheiten, bei denen der KĂśrper nach vorhergehender langer und hochdosierter Anwendung neutralisierende AntikĂśrper gegen den Subtyp A bildet; die Wirksamkeit der Medikamente nimmt dadurch ab oder geht ganz verloren. Seit 2001 sind auch Subtyp-B-Präparate (Neurobloc bzw. Myobloc, Zulassung 2001 gegen Schiefhalssyndrom) verfĂźgbar. Diese besitzen allerdings eine deutlich kĂźrzere Wirkungsdauer.
Ăberdosierung, Nebenwirkungen und weitere Nachteile
Die therapeutische Breite des Toxins ist bei einem durch Versuche mit Affen ermittelten LD50-Wert von etwa 2000 ng bei intraorbitaler (in die AugenhĂśhle) Injektion groĂ; dies entspricht etwa 50 Ampullen Botulinumtoxin.cite-ref-botoxaest15-71-0[58] Bei einer Ăberdosierung, oder wenn das Toxin in die Blutbahn gelangt, steht ein polyvalentes Botulismus-Antitoxin vom Pferd zur VerfĂźgung. Es gehĂśrt in grĂśĂeren Krankenhäusern zum Notfalldepot. Meist erfolgt die intravenĂśse Injektion aber zu spät und der Patient kann sich nicht sofort vollständig erholen. Eine kĂźnstliche Beatmung Ăźber längere Zeit ist unabdingbar.
Als Nebenwirkungen bei subkutaner oder intramuskulärer Injektion werden relativ häufig eine Ptosis (beim Lidkrampf), vorßbergehende Muskelschwäche, lokale, aus der Injektion resultierende Schmerzen, Mundtrockenheit, StÜrungen der Akkommodation des Auges sowie Hämatome genannt.cite-ref-botoxaest15-71-1[58]
Bei kosmetischer Verwendung wurden am häufigsten SchluckstĂśrungen (Dysphagie) und in Einzelfällen unter anderem Sarkoidose (eine Erkrankung des Bindegewebes) an der Injektionsstelle sowie BlutergĂźsse durch arterielle Schäden (Pseudoaneurysma) berichtet.cite-ref-pmid25613637-72-0[59] In einer systematischen Ăbersichtsarbeit von 2015 Ăźber bekannte Komplikationen bei kosmetischer Verwendung von Botulinumtoxin wurde gefordert, die Patienten vor einem Eingriff Ăźber folgende mĂśgliche, ernste Nebenwirkungen aufzuklären: Syndrom des trockenen Auges (Keratoconjunctivitis sicca), Schielen (Strabismus), Doppelsehen (Diplopie), Pseudoaneurysma der oberflächlichen Schläfenarterie (Arteria temporalis superficialis), Nackenschwäche (neck weakness), StimmstĂśrung (Dysphonie) und SchluckstĂśrungen.cite-ref-pmid25942667-73-0[60]
Die lokale Injektion vermindert die Gefahr von Nebenwirkungen (im Gegensatz zu einer wenig sinnvollen systemischen Behandlung), verlangt aber dennoch einen hohen Kenntnisstand beim Anwendenden. Oft wird eine sogenannte Titrierung angewandt, d. h., es wird zunächst eine zu geringe Dosis injiziert, die in zwei- bis dreiwÜchigem Abstand durch eine jeweils hÜhere Menge ergänzt wird.cite-ref-berlit-56-1[43]
Lähmt Botulinumtoxin die emotionale Mimik, dann schränken auch gefĂźhlsverarbeitende Hirnregionen â wie die linke Amygdala â ihre Aktivität ein. Dies verhindert das mimische Nachspielen und damit das Verstehen von Emotionen (âembodied emotionâ, âverkĂśrpertes GefĂźhlâ).cite-ref-74[61]
Nachgewiesen ist die systemische Ausbreitung von Botulinumtoxin von der Stelle der lokalen Anwendung in andere Bereiche des KÜrpers, insbesondere im Nervensystem. Obwohl dieser Ausbreitung bereits StÜrungen und Schädigungen zugeordnet wurden, sind die zugrundeliegenden Mechanismen der Ausbreitung und ihrer Folgen bisher (Stand 2016) nahezu unerforscht.cite-ref-pmid25613637-72-1[59]
Zahnmedizin
Vor der Anwendung von Botulinumtoxin zur Behandlung von Bruxismus (Zähneknirschen), der kraniomandibulären Dysfunktion (Kiefergelenksbeschwerden) sowie zur optischen Verschlankung des Gesichts wird gewarnt, da sie zu massiven Schäden am Kieferknochen fĂźhren kann. Botulinumtoxin wird hierzu in den Musculus masseter gespritzt, der die Muskelspannung reduzieren soll. Eine Zeitspanne von drei Monaten zwischen den Injektionen, die Ăźblicherweise eingehalten wird, reiche nicht aus, den verloren gegangenen Knochen wieder zu regenerieren. Teilweise zeigen die Ergebnisse, dass der Kieferknochen auch längerfristig nicht mehr regeneriert. Der Knochenabbau kann zur Zahnlockerung â bis hin zum Zahnverlust â fĂźhren und erhĂśht die Frakturgefahr des Kieferknochens. Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat bislang (Stand Januar 2017) die Anwendung von Botulinumtoxin in diesem Bereich nicht zugelassen.cite-ref-75[62]cite-ref-76[63] In der aktuellen S3-Leitlinie Stand 2019 zum Bruxismus wird dagegen der Einsatz von Botulinumtoxin eher positiv bewertetcite-ref-77[64].
Ăsthetische Medizin
Botulinumtoxin wird seit den frĂźhen 1990er-Jahren zur Abschwächung von Gesichtsfalten eingesetzt. Anders als bei anderen Faltenunterspritzungen (z. B. mit Hyaluronsäure) zielt die lokale Injektion von Botulinumtoxin dabei nicht auf ein AuffĂźllen der Falten, sondern auf eine vorĂźbergehende Lähmung der mimischen Muskulatur. Sie kommt daher insbesondere gegen Falten in der oberen Gesichtshälfte (Glabellafalten, KrähenfĂźĂe, horizontale Stirnfalten) sowie um Mund und Nase (Lippenfalten, Häschenfalten, Marionettenfalten) Anwendung. Durch die fehlende Muskelkontraktion entspannt sich die darĂźberliegende Haut, so dass sich vorhandene Falten mindern und einer Vertiefung bzw. Neubildung vorgebeugt wird. Gleichzeitig kann es aber auch zu einem Verlust an mimischer Ausdrucksfähigkeit kommen. Abhängig von der eingesetzten Dosis haben Faltenbehandlungen mit Botulinumtoxin der Regel eine Wirkdauer von ca. drei bis sechs Monaten.cite-ref-78[65]
Neben der Faltenbehandlung wird Botulinumtoxin in der ästhetischen Medizin auch fĂźr weitere Anwendungsbereiche genutzt. So kann die Injektion von Botulinumtoxin in den ringfĂśrmigen Lippenmuskel auch zur optischen VergrĂśĂerung der Lippen eingesetzt werden (sogenannter âLip Flipâ).cite-ref-79[66] Durch die Muskelrelaxation wĂślben sich die Lippen nach auĂen und wirken voller. Eine Entspannung des Lippenhebermuskels kann die ĂźbermäĂige Sichtbarkeit von Zahnfleisch beim Lächeln (sogenanntes âgummy smileâ) korrigieren.cite-ref-80[67]
Botulinumtoxin darf als verschreibungspflichtiges Arzneimittel nur bei Vorliegen einer ärztlichen oder zahnärztlichen Verschreibung an Verbraucher abgegeben werden. Heilpraktikern ist zwar die Vornahme von Injektionen grundsätzlich gestattet, sie dĂźrfen Botulinumtoxin aber weder beziehen noch verordnen, auch nicht zur Anwendung in der eigenen Praxis.cite-ref-81[68]cite-ref-0-82-0[69] Laut dem Fachverband Deutscher Heilpraktiker sollten Faltenunterspritzungen mit Botulinumtoxin nur von approbierten Ărzten durchgefĂźhrt werden.cite-ref-1-83-0[70]
Zahnärzte dĂźrfen Botulinumtoxin nur âin den Grenzen des Lippenrotsâ einsetzen, nicht dagegen im Hals- und Gesichtsbereich.cite-ref-0-82-1[69] In einem Fall jahrelanger VerstĂśĂe bejahte das Oberverwaltungsgericht fĂźr das Land Nordrhein-Westfalen die fĂźr den Approbationsentzug vorausgesetzte Unzuverlässigkeit eines Zahnarztes.cite-ref-84[71]
Nach Recherchen des SWR-Investigativformats Vollbild werden Faltenunterspritzungen mit Botulinumtoxin vermehrt auch illegal von Kosmetikstudios und Heilpraktikern angeboten, zum Teil sogar bei minderjährigen Patienten. Die im Rahmen der Recherche angefragten Landeskriminalämter gehen von einer hoher Dunkelziffer aus.cite-ref-1-83-1[70]
Zugelassene Medikamente mit Botulinumtoxin als Wirkstoff
Das Botulinumtoxin wird als Medikament von verschiedenen Firmen hergestellt:
| Bezeichnung | Wirkstoff | Hersteller | Zugelassene Anwendungsgebiete |
|---|---|---|---|
| Xeomin (D, A, CH u. a.) | Toxin A | Merz | zervikale Dystonie mit Ăźberwiegend rotatorischer Komponente âSchiefhalsâ (Torticollis spasmodicus), Lidkrampf (Blepharospasmus) und Spastik der oberen Extremitäten bei Erwachsenen, Chronischer, beeinträchtigender Sialorrhoe âvermehrter Speichelflussâ bei Kindern von 2â17 Jahren und Erwachsenen |
| Bocouture (D, A, CH u. a.) | Toxin A | Merz | VorĂźbergehende Verbesserung des Aussehens von mittelstarken bis starken Falten der oberen Gesichtshälfte (Glabellafalten, KrähenfĂźĂe, horizontale Stirnfalten) bei Erwachsenen unter 65 Jahren bei erheblicher psychologischer Belastung |
| Botox (D, A, CH u. a.) | Toxin A | Allergan | Symptomatische Behandlung diverser Spastiken (fokale Spastizität von Hand- und FuĂgelenk bei Erwachsenen, fokale Spastizität bei Patienten mit Zerebralparese ab 2 Jahren), Spasmen (Blepharospasmus, hemifazialer Spasmus) und Dystonien (zervikal, fokal); Linderung der Symptomatik bei chronischer Migräne) |
| Botox Cosmetics (USA) Vistabel (D, A, CH u. a.) | Toxin A | Allergan | VorĂźbergehende Verbesserung des Aussehens von mittelstarken bis starken Falten der oberen Gesichtshälfte (Glabellafalten, KrähenfĂźĂe, horizontale Stirnfalten) bei Erwachsenen bei erheblicher psychologischer Belastung |
| Dysport (D) | Toxin A | Ipsen | Symptomatische Behandlung diverser Spastiken (obere Extremitäten und FuĂgelenk bei Erwachsenen, untere Extremitäten bei gehfähigen Patienten mit Zerebralparese ab 2 Jahren), Spasmen (Blepharospasmus, hemifazialer Spasmus) und Dystonien (zervikal, fokal) |
| Azzalure (D) | Toxin A | Ipsen | VorĂźbergehende Verbesserung des Aussehens von mittelstarken bis starken Falten der oberen Gesichtshälfte (Glabellafalten, KrähenfĂźĂe) bei Erwachsenen unter 65 Jahren bei erheblicher psychologischer Belastung |
| Nuceiva (CA, EU) Jeuveau (USA) | Toxin A | Evolus | Behandlung der Falten zwischen den Augenbrauen (Glabellafalten) bei psychologischer Belastung |
| Daxxify (USA) | Toxin A | Revance Therapeutics | VorĂźbergehende Verbesserung des Aussehens von mäĂigen bis schweren Glabellafalten, die mit der Aktivität des Musculus corrugator und/oder Musculus procerus bei erwachsenen Patienten zusammenhängen |
| Letybo (D, A, USA) | Toxin A | Croma Pharma, Hugel | Behandlung von Glabellafalten |
| Myobloc (USA) | Toxin B | Elan | Behandlung von zervikaler Dystonie bei Erwachsenen zur Reduzierung des Schweregrads der abnormen Kopfposition und Nackenschmerzen |
| Neurobloc (EU) | Toxin B | Eisai | Behandlung von zervikaler Dystonie (Torticollis) bei Erwachsenen |
Seit April 2009 mĂźssen alle in den USA verkauften Botulinumtoxinpräparate â nach Festlegung durch die FDA aufgrund von Berichten Ăźber Nebenwirkungen â einen Warnhinweis tragen. FĂźr jedes zugelassene Produkt ist weiterhin eine Risk Evaluation and Mitigation Strategy (REMS) notwendig. Die betroffenen Präparate sind Xeomin, Bocouture, Botox und Botox Cosmetic, Myobloc und Dysport.cite-ref-fda-warn-85-0[72]
Jede Charge von Produktionseinheiten eines Botulinumtoxin-Medikaments muss auf Grund der hohen Giftigkeit routinemäĂig einer PrĂźfung unterzogen werden. Hierbei ist der klassische LD50-Test zugelassen, bei dem mindestens 100 Mäusen das Gift in das Abdomen injiziert wird. Nach 3 bis 4 Tagen wird der LD50-Wert Ăźber die Anzahl der getĂśteten Tiere ermittelt. Die Tiere erleiden Muskellähmungen, SehstĂśrungen und Atemnot, bevor sie ersticken. Weltweit werden jedes Jahr rund 600.000 Mäuse dazu verwendet.cite-ref-87[74]cite-ref-kasse-88-0[75]
Im Europäischen Arzneibuch sind folgende alternative Testverfahren beschrieben:cite-ref-89[76]
⢠Ein Nervus-phrenicus-Zwerchfell-Präparat, bei dem Nerven aus zuvor getÜteten Mäusen oder Ratten herauspräpariert (ex vivo) und als Testobjekt verwendet werden.
⢠Der Endopeptidase-Test, ein molekularbiologisches in-vitro-Verfahren, bei dem das Gift ein synthetisches Protein SNAP-25 spaltet.
⢠Eine lokale Muskellähmung, bei der das Gift den Mäusen in die Hautfalte zwischen Bauch und Hinterbein gespritzt und das Ausmaà der Lähmungen des Hinterbeins beurteilt wird (Bestimmung der Wirksamkeit an der Maus mit paralytischem Endpunkt).
⢠Bestimmung in Zellkulturen
Weitere Verfahren sind:cite-ref-gt-6-3[6]
⢠Zellkulturtests mit einer Zelllinie aus Mäusekrebszellen (Neuroblastoma)
Gewinnung und Lagerung
Botulinumtoxin A wird aus Kulturen von Clostridium botulinum gewonnen. Bei einem pH-Wert von 3,5 wird das Protein aus dem Kulturmedium ausgefällt; durch eine Abfolge mehrerer Zentrifugations-, Fällungs- und Adsorptionsschritte wird das Toxin gereinigt. Die Gewinnung weiterer Botulinumtoxine erfolgt analog aus anderen Clostridium-Arten und -Stämmen. Das gereinigte Toxin kann bei â70 °C fĂźr längere Zeit gelagert und ohne Aktivitätsverlust aufgetaut werden. Eine aus dem festen Protein und steriler isotonischer KochsalzlĂśsung hergestellte InjektionslĂśsung kann im KĂźhlschrank fĂźr maximal 24 Stunden aufbewahrt werden.cite-ref-hager-57-2[44] Danach mĂźssen LĂśsungsreste sowie nicht verwendete InjektionslĂśsungen entsorgt werden, da diese keine Konservierungsmittel enthalten.cite-ref-92[79]
Einsatz als Kampfstoff
Aufgrund der hohen Letalität bei verhältnismäĂig einfacher Herstellung und Transport besteht die Gefahr, dass Botulinumtoxin als Biologische Waffe eingesetzt wird.cite-ref-93[80]cite-ref-94[81] Es wird durch das CDC als Stoff eingestuft, von dem eine hohe Gefahr durch Verwendung bei Bioterrorismus ausgeht.cite-ref-95[82] Botulinumtoxin kĂśnnte dabei in Lebensmitteln, als Aerosol oder Ăźber die Trinkwasserversorgung verbreitet werden.cite-ref-96[83] GelĂśst in Wasser ist das Toxin farblos, geruchlos und geschmacklos.cite-ref-97[84]
Im Rahmen der UNSCOM-Inspektionen nach dem 2. Golfkrieg stieĂ man im Irak auf Programme zur Herstellung von biologischen Waffen, u. a. auch Botulinumtoxin.cite-ref-98[85] In Deutschland unterliegt Botulinumtoxin dem Kriegswaffenkontrollgesetz.cite-ref-99[86]
Nachweis
Der Nachweis des Toxins wurde frĂźher meist aufwendig Ăźber eine Kulturbestimmung des Bakteriums C. botulinum (Erregerisolierung aus Stuhl oder Wundmaterial) durchgefĂźhrt; eine schnellere Nachweismethode ist die RT-PCR.cite-ref-100[87] Ein direkter Nachweis des Botulinumtoxins aus Blut, Stuhl, Mageninhalt oder Erbrochenem ist Ăźber Bioassay-Methoden (ELISA oder Maus-Bioassay) mĂśglich, das heiĂt, es wird die Wirkung von Proben auf Labortiere wie Mäuse bestimmt.cite-ref-101[88]
Dokumentarfilm
Literatur
⢠S1-Leitlinie Ăsthetische Botulinumtoxin-Therapie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). In: AWMF online (Stand 2018)
⢠Dirk Dressler: Botulinum toxin therapy, 31 tables, Foreword by Mitchell F. Brin, Thieme Verlag, Stuttgart, New York 2000, Andere Ausgabe: Dt. Ausg. u.d.T.: Dressler, Dirk: Botulinum-Toxin-Therapie, ISBN 978-3-13-117691-2, ISBN 978-0-86577-816-0 (New York).
⢠Matthias auf dem Brinke et al.: Therapeutenhandbuch Botulinumtoxin und Spastik. Thieme, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-13-166791-5.
⢠Boris Sommer, Dorothee Bergfeld, Gerhard Sattler: Botulinumtoxin in der ästhetischen Medizin. Thieme, Stuttgart 2015. 5. akt. Aufl., ISBN 978-3-13-137675-6.
Weblinks
Wiktionary: Botulinumtoxin
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
⢠BewegungsstÜrungen - M. Parkinson / Botulinum-Toxin Therapie / Tiefe Hirnstimulation, Klinik fßr Neurologie mit Experimenteller Neurologie, CharitÊ
⢠S. Krupa, G. Gopinathrao / reactome: Botulinum neurotoxicity.
⢠Arbeitskreis Botulinumtoxin: Therapeutische Anwendungen des Botulinumtoxins
Anmerkungen
Anmerkungen zur Tabelle Botulinumtoxin-Serotypen
cite-note-ona-251. USAN: Onabotulinumtoxin A, CAS-Nr.: 1309378-01-5
cite-note-abo-262. USAN: Abobotulinumtoxin A, CAS-Nr.: 953397-35-8
cite-note-leti-273. USAN: Letibotulinumtoxin A, CAS-Nr.: 1800016-51-6, UNII: W5O50S8A59 (Memento vom 24. Februar 2020 im Internet Archive)
cite-note-nivo-284. USAN: Nivobotulinumtoxin A, CAS-Nr.: 1638949-86-6
cite-note-pra-295. USAN: Prabotulinumtoxin A
cite-note-inco-306. USAN: Incobotulinumtoxin A
cite-note-daxi-317. USAN: Daxibotulinumtoxin A
cite-note-eva-328. USAN: Evabotulinumtoxin A
cite-note-rima-349. USAN: Rimabotulinumtoxin B, CAS-Nr.: 93384-44-2, Eintrag zu Rimabotulinumtoxin B in der DrugBank der University of Alberta, abgerufen am 24. Februar 2020.
cite-note-c1-3510. CAS-Nr.: 107231-13-0
cite-note-c2-3611. CAS-Nr.: 107231-14-1
cite-note-simpson-1989-3712. Das Botulinumtoxin Typ C2 zählt nicht zu den Neurotoxinen. Vgl. Lance Simpson (Hrsg.): Botulinum Neurotoxin and Tetanus Toxin, Academic Press, 1989, S. 7. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche) da ein anderer Wirkmechanismus besteht. Botulinumtoxin C2 hemmt die Bildung von Actinfilamenten, wodurch das Zellskelett geschädigt wird und actinvermittelte Transportprozesse zum Erliegen kommen.
cite-note-argentinense-3813. Ab 1959 wurden alle Botulinum-Neurotoxin (Typ A-G) produzierenden Clostridien der Art C. botulinum zugerechnet. Phäno- und genotypischer Heterogenitäten innerhalb der Spezies fĂźhrten 1988 zu Neuklassifizierung der Clostridium-botulinum-Typ-G-Stämme zu der neue Art C. argentinense. Vgl. J.C. Suen et al.: Clostridium argentinense sp.nov.: a genetically homogeneous group composed of all strains of Clostridium botulinum type G and some nontoxigenic strains previously identified as Clostridium subterminale or Clostridium hastiforme. Int. J. Sys. Bacteriol, Band 38 (1988), S. 375â381. doi:10.1099/00207713-38-4-375
Einzelnachweise
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cite-note-berg2019-4532. â L. von Berg et al.: Functional detection of botulinum neurotoxin serotypes A to F by monoclonal neoepitope-specific antibodies and suspension array technology. Scientific Reports, Nr. 9 (2019), s. 5531, doi:10.1038/s41598-019-41722-z
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